Mallorca-Fahrtenbericht Fahrtenorden Brummlibrummli

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fahrtenorden brummlibrummli, Stefan Peters 2001

Serra Tramuntana
Torrente de Pareis
Oliventerrassen über Sóller
Kathedrale von Palma de Mallorca
Zeltplatz

Eine Idee

"Ich muß hier raus!", teilt mir Thorsten Ende Januar per email mit. "Sechs Tage Mallorca Nur Flug 330 DM, Abflug in einer Woche", antworte ich. Bis Fahrtenbeginn am 4. Februar 2001 sinkt der Flugpreis auf 139 DM. Ein Angebot, das überzeugt.

Nackte Beine

"Ich glaube, mein Hund steht auf nackte Beine", spricht Frauchen und blickt frech in unsere Richtung, als ein Hund in Bordsteinhöhe uns wild anbellt. Zweifellos eine Kommentierung der eher originellen Art. Den Klassiker "Oooch, ist das denn nicht zu kalt in den kurzen Lederhosen?" können wir schon nicht mehr hören. Wir erlauben uns, es bei 20°C und Sonnenschein auf Deutschlands beliebtester Urlaubsinsel nicht zu kalt zu finden.

Mandelbäume

Montagfrüh, den 5. Februar 2001 beginnt unsere Fahrt in Lloseta, einem kleinen Städtchen unterhalb von Mallorcas Gebirgszug, der Serra Tramuntana, die sich die gesamte Nordwestküste der Insel entlangzieht. Den ganzen Tag über steigt der Weg an, die Häuser werden weniger. Zuerst noch durch blühende Mandelbaumplantagen, dann immer mehr an Felsen, an Steineichen und Gestrüpp entlang führt uns der Weg in die Schluchten der Serra Tramuntana.

Wasser auf Mallorca?

Wasser in den Bächen? Fehlanzeige! Selbst im Winter hofft man vergeblich auf rauschendes Frisch; Trinkwasser gibt es nur aus dem Wasserhahn oder dem Haus-Brunnen. Eben dorther kurbelt uns eine steinalte Frau uns einen Eimer voll hinauf. Ein Glück, daß wir sie vor ihrem leblos wirkenden Haus zufällig getroffen hatten. Wahrscheinlich wollte sie nach dem Traktor schauen, der gestern vorbeigefahren war. Der Verlust der zeitlichen Dimension.

Hüttenidylle

Tassals Verds, bewirtschaftete Gebirgshütte, der letzte Außenposten der touristischen Zivilisation, empfängt uns mit Sonnenterasse, warmen Steinen. Lavendel im Garten, Salbei sowieso, noch dazu fünf Zapfstellen für Trinkwasser: Eine kleine Oase in der Trockenheit des Winters. Wir genießen die Wärme auf der Terasse. Thorsten gewinnt eine Wette, die keine ist.

Klippen im Wind

Der letzte Aufstieg auf den 800 Meter-Paß, das Durchschlagen auf die aussichtsreiche Klippe oberhalb: Die Ebene des mittleren und östlichen Mallorca liegt unter unseren Füßen, senkrecht fällt die Kalksteinklippe vor unseren Füßen ab. Diese Aussicht genügt unseren Ansprüchen; wir schlagen unser Nachtlager auf.

Über den Wolken

An einem Dienstagfrüh im Winter in der Serra Tramuntana, an dem wir glücklicherweise zu den Zuschauern zählen, geht die Sonne über einer wattigen Wolkendecke auf, die die gesamte Insel unterhalb der 500-Meter-Marke unter sich begräbt. Ein fantastisches Schauspiel!

Schlag dich durch

Durch Unterholz, später durch die Felsen eines ausgetrockneten Bachbetts kraxeln wir höher, den Paß unterhalb des Gipfels des Puig de Massanella, dem zweithöchsten der Insel, zu erreichen. Landkarten können richtige Angaben machen, sind aber offenbar nicht dazu verpflichtet.

Nichts ist umsonst

Senkrechte Felswände verhindern unser Gipfelglück am Puig de Massanella. Abwärts lernen wir auf dem Weg zum besuchenswerten Kloster von Lluc eine weitere Spielart der Tourismusnutzung kennen: Für das Durchqueren eines privaten Anwesens lassen wir einem Waldarbeiter 15 DM. Eine wiederentdeckte Form der Wegelagerei?

Kloster Lluc

Das Kloster von Lluc lockt mit weichem Nachmittagslicht und macht Lust auf einen Abend in seinen alten Gemäuern, so daß wir Zelt gegen Klosterzelle eintauschen und die Nacht hinter den dicken Steinwändern verbringen.

Sa Calobra und Cala Tuent

Nach einem Abstecher in die touristenüberlaufene, aber spektaküläre Bucht Sa Calobra trampen wir nach Tuent, ein Dorf an einem verwunschenen Hang über der kleinen gleichnamigen Bucht. Zwei Stunden Siesta in der Sonne.

Turm im Sturm

Mittwochabend über der Bucht von Tuent an der Feldspitze Morro d'es Forat neben einem Wehrturm, der einst zu Abwehr von Piraten hier auf errichtet wurde. Inzwischen vollkommen zugewachsen, ist er nur über eine der für Mallorca typischen Steinmauern erreichbar. Die Macchia hat es nicht geschafft, diese ebenfalls zu überwuchern. Über das mediterrane Gestrüpp uns balancierend bahnen wir uns den Weg auf die Felsnase. Thorsten verliert das Gleichgewicht: Kalkstein und Macchia sind spitz und kantig und verzeihen nichts. Die Folgen werden Thorsten noch einige Tage an unsere Großfahrt erinnern.

Heiße Nacht

Wir schlagen das Lager unter einer gigantischen Kiefer auf, bemühen uns, uns nicht vom allabendlichen Sturm einschüchtern zu lassen. Fototermine auf dem äußersten Rand der Klippe über dem Meer werden zur Mutprobe, wenn der Wind in die falsche Richtung drängt. Die Kommunikation ist nur noch im Nahbereich möglich. Kleinteile unserer Ausrüstung verschwinden spurlos. Abends um 22:00 Uhr noch 15°C, dazu der steife, aber erstaunlicherweise warme Wind. Nie hätte ich mir meine Winterfahrt so gemütlich und fröstelfrei vorgestellt.

Verlassene Welt

Donnerstag entlang der Felsküste auf einem mit Naturstein gepflasterten Wanderweg. Rechts von uns die Felsenküste, links die steilen Gipfel der Serra Tramuntana. Unter uns liegt ein kleines Wasserbecken nur wenige Meter oberhalb der Felsküste. Die Zusammentreffen mit Zeugnissen historischer Bau- und Versorgungskunst sind immer wieder erstaunlich, die auf diese Kultur gefolgte Verwilderung eine tragische Folge abrupter Herrschaftswechsel und wirtschaftlicher Umschwünge.

Kultur statt Natur

Nachmittags erreichen wir Sóller, das erste größere Städtchen unserer Wanderung. Wie wird der Tourismus auf uns wirken? Wie üblich werden wir nur betrachtet. Ein Schild mit der Aufschrift "Spenden werden nicht als Demütigung empfunden" und ein kleiner Hut würden uns innerhalb kürzester Zeit reich machen. Eine Fahrt mit der einzigen Straßenbahn der Insel zeigt uns, wie man in Puerto de Sóller nach Touristenwünschen Ortschaften so verändern kann, daß sie ihre ursprüngliche Atmosphäre komplett verlieren.

Fahrtenorden Brummlibrummli

Das traditionell sonnige Tal von Sóller ist von oben bis unten kultiviert und eingezäunt. Wir werden zu Eindringlingen, finden einen 10qm großen grasbewachsnen Platz auf einer Oliventerrasse des steilen Talhanges. Die vom Mond silbrig erleuchtete Nacht Sóllers führt bei wunderbarer Aussicht auf das Tal am Donnerstagabend zu Gründung des Fahrtenordens Brummlibrummi. Es muß nicht alles Sinn machen.

Städte

Freitag in den historischen Dörfchen Deyá, Valldemossa und in der romantischen Altstadt Palma de Mallorcas. Die Viehzahl von Touristen schreckt uns etwas ab. Nicht, daß wir leugnen wollten, auch dazuzugehören, aber die vergangenen Tage in den Felsen und an der Küste haben uns dieses andere, natürlichere Mallorca so nahe gebracht, daß wir auf Rentnerausflüge nicht mehr scharf sind. Die Promenade unter der Kathedrale von Mallorca liegt um diese Jahreszeit nicht so sehr im Einflußbereich von touristischem Kommerz und Reisegruppen. Ein Liter Zitroneneis und andere Köstlichkeiten verschwinden unbemerkt unter der warmen Nachmittagssonne.

Seifenblase

Die Fahrt ist zu Ende, Deutschland nimmt uns am 9. Februar 2001 zurück. Eine Seifenblase platzt: Dies ist kürzeste Großfahrt, die ich je erlebt habe. Die Erinnerung wird erst langsam in Thorsten und mir wachsen. In sechs Tagen haben wir Deutschland kaum innerlich verlassen, da sind wir schon wieder zurück.

Und nun?

Trotzdem: Wenn sich eine Gelegenheit ergibt, ich einige Tage frei habe, fliege ich wieder in die Serra Tramuntana. Billiger und schneller gelange ich in kein mediterranes Gebirge. Die Serra Tramuntana ist rauher und anspruchsvoller, als wir mit dem Namen "Mallorca" asszoziiert hätten. Und das Wetter stimmt fast immer.