Pyrenäen

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Monte Aneto
Monte Aneto
Monte Aneto
Mittelmeer


Einstimmung

Die Wahl auf die Pyrenäen ist einfach, wenn man im September Zeit hat, Hochgebirge sucht und ordentlich Höhenmeter braucht.

Das Grenzgebirge zwischen Frankreich (auf dessen Seite es wohl meist regnet, weil Wetterscheide) und Spanien (wo neben eitel Sonnenschein auch die Menschen freundlicher sind) läßt keine Wünsche offen, wenn es einen oder mehrere nach anständigen Bergen über 3.000 Meter Höhe sucht, auf denen nicht schon 356 andere Wanderer sind. Auf Hauptrouten ist man allerdings auch nicht mehr allein.

Gepäck = schwer

Wir waren und sind immernoch vier Freunde, die schon mehrmals zusammen auf Fahrt waren. Allerdings nie alle zu viert. Der Jüngste war Ludwig mit damals 18 und ich der Älteste mit 26. Dazu sei bemerkt, dass wir uns wohl alle als physisch und psychisch sehr belastbar sowie hochalpin erfahren bezeichnen können. Allen anderen rate ich von einer Besteigung des Aneto auch dringend ab! Ich bin mit 'nem Schweizer-Armee-Affen gewandert, Gerrit mit einem ähnlich komfortablen Armeerucksack und Dirk und Ludwig mit normalen 80+ -Liter Rucksäcken.

Als Zelt hatten wir zwei Jurtenbahnen als Dach zum Langzelt mit 2 Spezialbahnen an den Stirnseiten. Als Stangen hatten wir 2 Leki-Teleskopwanderstöcke mit, die Dirk eh zur Schonung seiner Knie beim Abstieg brauchte.

Das durchschnittliche Gepäck war 20-25kg schwer. Steigeisen an Meindl Perfekt waren für die Gletscherüberquerung unerlässlich. Sonst hatten wir noch 15 Meter Rebschnur mit, die wir allerdings lediglich einmal zum Abseilen von Gerrit's Rucki brauchten. Gekocht haben wir, sofern kein Holz vorhanden war, mit Gas.

Gletscherspalten waren keine Gefahr, da sie immer freilagen und kaum breiter als 30 Zentimeter waren.

Auftakt

Am 29.August sind wir mit dem Zug in Hannover abgefahren, am 30. vormittags in Luchon de ...Bagnère(?) angekommen. Vom Bahnhof des alten Römerbades und langweiligen Kurortes gleich dem beeindruckenden Panorama entgegen. Knapp 1000 Höhenmeter durch Wälder bis zum Hospice de France, einem Parkplatz für gut 50 Autos, wo 1998 nur eine Restaurantruine ohne Dach stand. Unser vorerst letzter Kontakt mit der Zivilisation in Form einer Strasse. Immerhin gibt es dort einen Bach, der ausreichend sauberes Wasser führt, um zu baden, kochen, trinken.

Diesen Tag gab es auf der Strecke alle 1-2km Bäche mit ausreichend sauberem Wasser. (Wasserentkeimer haben wir auf der gesamten Fahrt nicht benötigt!)

Grenzübertritt

Die nächsten 2 Tage werden ebenfalls je 1000m Höhenaufstieg mit vollem Gepäck und Verpflegung für gut 5 Tage bringen. Auf der Hochebene weiden allerdings zahlreiche Kühe und die haben auch den einzigen Bach sorgfältig vollgeschissen, Trinkwasserknappheit stellt sich ein. Also am besten jeder ausreichend für den ganzen Wandertag morgens mitnehmen! Wir überqueren die "Grenze" zu Spanien auf 2067 Meter (Port de la Escaleta). Super Ausblick in die Täler und guter Blick auf das Maladeta-Massiv.

Aus Wassermangel schon etwas stumpf im Hirn verpassen wir den richtigen Abzweig des Trampfelpfades. Doch schließlich: Endlich wieder Wasser! Wir lagern auf dem letzten Absatz einer Wiese.

1. September 1998: Monte Aneto I

Morgens um 8 Aufbruch vom schönen Lagerplatz der Refugio Renclusa entgegen. Puls wie üblich bei 160. Pausen, um zu verschnaufen. Die Hütte ist eher ein Gebäudekomplex, der schon jetzt zig Betten bieten dürfte, aber noch erweitert wird. Baumaterial wird unentwegt mit dem Hubschrauber angeliefert. Um 10 gehen wir von der Hütte dem Aneto entgegen. Jeder Meter Aufstieg wird mit phänomenaler Aussicht belohnt. Auch wenn zum Vorankommen die Hände unentbehrlich sind, weil man mehr auf allen Vieren hochkrabbelt als dass man geht.

Auf 2.908 Meter Höhe schlagen wir auf einer Felsplatte am Durchgang der Cresta de Portillones das Nachtlager auf. Trinkwasser füllen wir am unteren Ende eines Schneefeldes 50 Meter entfernt ab. Dort oben ist man der Witterung schonungslos ausgeliefert.

2. September 1998: M. Aneto Gipfel

6 Uhr, Regenschauer ohne Zelt. Panischer Zeltaufbau im Platzregen. Weiterschlafen, da bei dem Wetter an Aufstieg nicht zu denken ist. 9.30 Uhr: Cirka 15 andere Tageswanderer mit Bergführer und allerlei modischem Klimbim erblicken unsere schwarzen Jurtenbahnen respektvoll. (Schauen so als sähen sie Marsmenschen in Lederhosen!) Wir packen in Nullkommanix und bleiben an der Gruppe dran, holen sie ein, überholen sie - auch mit Gepäck.

Bald Steigeisen anlegen. Der Gletscher ist spiegelglatt und steil genug für eine tödliche Rutschpartie. Wir wählen den Weg rechts an der Cresta hoch, die andere Gruppe geht links über Felsen diagonal direkt dem Gipfel zu.

Oben am Sattel zur Rückseite Colado de Coronas lassen wir unser Gepäck. Weiter, die letzten 200 Höhenmeter, nur mit dem nötigsten. (Poncho, Wasserflasche, Schoki, Kamera) Es ist bewölkt. 150 Höhenmeter nochmal auf Eis, 50 auf Fels. Die "Zielgerade" bildet zu unserer Überraschung ein cirka 20 Meter langer Grat, der in keinem Wanderführer bisher erwähnt war und den man besser auf allen Vieren klettert, denn ein unkonzentrierter Moment kann zum tödlichen Absturz führen. Links oder rechts. Beides ist leicht möglich.

Der Gipfel auf 3.404 Meter ist flächenmäßig sehr klein. Ein großes Eisenkreuz und zwei geometrische Punkte, daran zahllose Wimpel in Erinnnerung an tödlich Verunglückte.

Auf dem Rückweg treffen wir die andere Gruppe am unteren Ende des Grates. Sie seilen sich an. Wer nicht so leichtsinnig ist wie wir, sollte das auch tun!

Dann, am Sattel zur Rückseite der Abstieg auf die andere Seite. Einsam. Hier geht kein Mensch. Es regnet. Die Steine werden gefährlich glatt. Ludwig "fährt" plötzlich mit einem tischgroßen Fels los, nicht zu stoppen... Wie durch ein Wunder bleibt er unverletzt. Weiterer Abstieg zum See.

Dort Lageraufbau an der talwärtigen Seite des Sees auf Kies. Hier erwischt uns nachts das vorhergesagte Unwetter. Ich bete, dass unser Zelt, das mit bestimmt mehreren hundert Kilo schweren Steinen am Rand beschwert ist, nicht wegfliegt. Blitz und Donner. Platzregen. Alles geht gut. Wir sind sehr erleichtert. Gut dass es nagelneue heavy-duty-Bahnen waren! Im Seewasser befinden sich massig kleine rote Tierchen.

3. September 1998: Monte Aneto III

Weiterer Abstieg über eine Schlenker ins Nebental nach links (Cresta de Llosas) Brecha de Llosas 2.850 Meter. Mondlandschaft. Nur Felsen. Gehen gleicht stundenlang Klettern, nur mit Hilfe der Hände möglich. Genauso wie beim Aufstieg auf der anderen Seite am Tag zuvor. Ball de Llosas, Lago de Llosas, ein schöner See, trinken, waschen, Grün! Abstieg nach Benasque.

Chill Out

Vergleichsweise unspektakulär ging unsere Fahrt danach weiter und endet schließlich am Meer. Nur der Vollständigkeit halber:

Von Benasque mit dem Bus 96 km nach Barbastro, kostet ca. 5 Euro. Weiter nach Barcelona, Figueras, Jonquera (hässlicher Grenzort). Von dort ein paar vergleichsweise lahme Wandertage durch Korkeichenheine und malerische Dörfer. Zum Beispiel ist La Bajol ein kleines Minidorf mit Kriegsmahnmal. Wasser gibt es an der Fontaine de la Figueras. Auf einem Schotterweg über die spanisch-französische Grenze, cirka einen Kilometer vom "Denkmal der katalanischen Unabhängigkeit" in Richtung Frankreich gibt es am Weg eine Quelle.

Danach zwei Tage am Meer am Strand. Mit Affen mit klirrenden Steigeisen an süddeutschen Urlaubern vorbei...

Epilog

Selbstverständlich kann man sich auch länger im hochalpinen Bereich aufhalten, da es zig Zwei- und Dreitausender in der Nähe gibt. Aber uns war nach dieser Mondlandschaft und dem schlechten Wetter -auch aus Sicherheitsgründen -mehr nach Pflanzen und Aufrecht-gehen statt nach Krabbeln.

Der Artikel geht im Ursprung zurück auf einen Beitrag bei Brummli.net von Kai Klinge 2002.